Samstag, 15. Mai 2010

Es ist eher untypisch, dass sich ein Schweizer als germanophil bezeichnet.

Tim Guldimann, der neue Botschafter der Schweiz in Berlin, hat Hannes Nussbaumer vom Tagi ein Interview zum "schweizerisch-deutschen Verhältnis" gegeben ("Vielleicht bin ich germanophil").

Insgesamt lesenswert, klug und wohlinformiert. Zwei Punkte sind mir aufgefallen:

Guldimann: "in einer Vorlesung an der Berner Uni [wurde ich] überrascht vom kollektiven Protest der Studierenden gegen meine Behauptung, wir gehörten zur deutschen Kultur. Darüber besteht offensichtlich keine Einigkeit. Heute wird zumindest offen über dieses Verhältnis diskutiert. Nur werden dabei Animositäten – sie betreffen insbesondere den Raum Zürich – populistisch missbraucht und in den Medien überzeichnet."

Das ist eine interessante Frage. Es gibt ja genügend Leute in der Deutschschweiz, die der festen Überzeugung sind, schweizerdeutsch und deutsch seien zwei verschiedene Sprachen. Nun ist "eine Sprache" noch ein abgrenzbarer Begriff. "Eine Kultur" weit weniger. Ich wäre der letzte, der bestreiten würde, dass es eine schweizer Kultur gibt. Steht das im Widerspruch zur Teilhabe an einer deutschen, französischen, italienischen, oder europäischen Kultur? Insofern ist die Zugehörigkeit zu einer Kultur sicher nichts ausschliessliches. Aber dass Dürrenmatt, Frisch u.v.a.m. zur deutschen Kultur gehören, ist sicher unbestreitbar.

Auf die Frage, wer wohl mit den populistischen Medien im Raum Zürich gemeint ist, gibt der Interviewer kurz danach selbst die Antwort mit einem ungläubigen Einwurf gegen die Ausführungen Guldimanns: "Es ist eher untypisch, dass sich ein Schweizer als germanophil bezeichnet." - Es ist jedenfalls eher untypisch, dass ein Tagi-Journalist nicht solange herumstochert, bis er eines seiner Klischees bestätigt findet.

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